Gotische Kirchen und Kathedralen

Seit vielen Jahren habe ich Briefmarken und Belege von gotischen Kirchen und Kathedralen zusammen getragen und damit eine thematische Sammlung aufgebaut. Aber; Briefmarken sind, wir wissen es alle, Kunstwerke im Kleinformat. Und damit ist auch schon der einzige Nachteil erwähnt, der unseren so geliebten Marken zu Eigen ist, sie sind klein! In meiner <normalen> Sammlung über  die <Gotik> bin ich immer wieder auf das Problem gestossen, dass verschiedene Details und spezielle Bauvorgänge, nur mit Briefmarken und Stempeln entweder nicht gezeigt werden können, oder dann für den Betrachter zu wenig informativ sind. Welch grossartige Alternative bietet dagegen der Offene Salon. Fotos, Ansichtskarten, Pläne, Medaillen, Stein-, Holz-, und Blechmuster konnte ich nun einbauen. Sogar eine Wappenscheibe mit der Darstellung des Sternzeichens <Löwe> aus der Rosette der Kathedrale Lausanne fand Platz in der Sammlung. Auch das, von mir ausgewählte grosse Blattformat von 48 x 48 cm bot ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten. Man muss allerdings sehr aufpassen, dass das nun erlaubte <Beiwerk> die Marke, oder den philatelistischen Beleg nicht <erschlägt> sondern die thematische Aussage unterstützt und bereichert. Der Betrachter soll immer wieder zur Marke zurückgeführt werden.

Das Exponat besteht zur Zeit aus sechzehn Bildtafeln, mit einer einfachen Gliederung in die verschiedenen Planungs- und Bauphasen. Von der geistigen Idee bis zur Domweihe.

Man könnte das Thema „Gotische Kirchen und Kathedralen“ auf ganz verschieden Arten angehen. Z.B. als reine Abhandlung der Stilkunde, oder Ursprung und geographische Verbreitung in Europa, oder sogar als reine „Religionslehre“. Als im Bauwesen tätiger Zeitgenosse hat mich aber vor allem das „Wie und Warum“ interessiert. Wie konnte man, mit den damaligen (bescheidenen) Mitteln, solche Jahrtausendbauwerke überhaupt realisieren? Was trieb die Menschen im zwölften und dreizehnten Jahrhundert dazu, nach der Schwere und Behäbigkeit der romanischen Kirchen, plötzlich diese himmelstürmenden, filigranen Gebilde zu errichten? Ein amerikanischer Historiker hat die gotischen Kathedralen als „Steinerne Gebete“ bezeichnet! Das kommt dem ganzen Geist der Gotik recht nahe. Gleichzeitig mit den unseligen Kreuzzügen entwickelt sich eine neue Religionsauffassung. Nicht mehr die Gottesfurcht, sondern die Gottesfreude stand im Vordergrund. Und so sollten auch die Kirchen aussehen: Lichtdurchflutet, himmelwärts strebend, ein Ode an Gott. Der erste gotische Bau ist der Chor der Abteikirche St. Denis, im Norden von Paris. (Dionysos Areopagita ist der Schutzheilige Frankreichs). Diese Grabeskirche der französischen Könige sollte, angebaut an das romanische Kirchenschiff, einen neuen Chor mit doppeltem Umgang erhalten. Abt Suger entwickelte, zusammen mit einem unbekannten Baumeister aus dem Burgund, einen neuen Baustil mit Spitzbogen, Strebebogen und Kreuzrippengewölbe. In nur vier Jahren, 1140 – 1144, wurde der Bau vollendet. Zur Chorweihe lud der Abt alle ihm bekannten Bischöfe und Äbte ein. Sie kamen in Scharen. Sogar der Erzbischof von Canterbury reiste aus England an. Und der Funke zündete, alle waren begeistert. Die Gotik, eine Explosion des Glaubens und der Gefühle nahm ihren Anfang. Während der folgenden 100 Jahre, dem sog. „Kathedralenboom“ entstanden allein in Frankreich 80 grosse Dome und rund 500 neue Pfarrkirchen, alle im „französischen“ Stil. (Die Bezeichnung „Gotik“ entstand erst in der folgenden Epoche der Renaissance und bedeutet „Barbarische Kunst“!!!, das Schimpfwort „stile gotico“ stammt vom italienischen Architekten Giorgio Vasari). Im 14. und 15. Jahrhundert flaute die Bautätigkeit, oftmals wegen akutem Geldmangel, stark ab. Mit der Entdeckung der neuen Welt durch Christoph Kolumbus, im Jahre 1492, endet die eigentliche Epoche der Gotik. Bis dahin nicht fertig gestellte Dome blieben oft unvollendet, oder wurden erst im 19. Jahrhundert (Kölner Dom / Ulmer Münster / Berner Münster) fertig gestellt.

Dass im Titel meiner Sammlung nicht nur Kathedralen, sondern auch Kirchen vorkommen hat übrigens einen ganz einfachen Grund. Eine Kathedrale ist eine Bischofskirche (der Name kommt von Kathedra, dem Bischofstuhl). Hätte ich mich allein darauf beschränkt, könnte ich die Münster von Ulm, Freiburg i.B. und Bern nicht zeigen, denn das sind keine Kathedralen, sondern Pfarrkirchen. Auch das „Kleinod“ des Aargaus, die Klosterkirche Königsfelden, müsste fehlen. Aber gerade am Bauplan von Königsfelden lässt sich die gotische Planungsgrundlage, das gleichseitige Dreieck sehr schön zeigen.

Martin Guler, Neftenbach